Tatendrang

Oldenburger unternehmen und Kulturschaffende in der Corona-Krise

(Arbeitstitel)

Making-of

Fotos: André Mittwollen und Anna Wieting

Projektbeschreibung

Der persönliche Antrieb

Am 16.03. beschloss die Regierung, die meisten Geschäfte zu schließen. Ein Kontaktverbot wurde eingeführt und die Medien berichteten über nichts anderes. Als frisch gebackene Selbstständige fühlte ich mich mit der Situation überfordert. Innerhalb weniger Tage wurden alle Shootings abgesagt. Viele davon sind nicht nachzuholen, denn wie soll ich z. B. ein Babybauch-Shooting machen, wenn das Baby bereits auf der Welt ist?

„Tja, und was nun?" - dachte ich. Zunächst hatte ich so einiges, was ich jetzt in Ruhe erledigen und nachholen konnte: Rechnungen sortieren, Papierkram für die Steuererklärung ordnen, neue Mützen und Hosen für Baby-Shootings stricken usw. Nach zwei Wochen ohne Kamera in der Hand wurde ich jedoch unruhig und hatte ständig das Gefühl, etwas unternehmen zu müssen. Aber was?

Die Idee

"Aber was?" ist im Grunde der Anfangspunkt des Projektes. In der ungewöhnlichen Lockdown-Situation meldete sich die Historikerin in mir: „So was muss man doch dokumentieren! Macht das schon jemand in Oldenburg? Ja? Nein? Egal, ich mach's einfach!“

Ganz in die Wissenschaft zurück wollte ich dann doch nicht - dazu bin ich zu glücklich mit meinem Handwerk. So beschloss ich, Quellen für die künftigen Historiker zu schaffen und sowohl in Bildern als auch in Texten, die aus Interviews entstehen, die Lage zu erfassen: nicht immer todernst und nicht mit wissenschaftlichem Anspruch, was den Inhalt, Sprache und Form anbetrifft, aber dennoch ausgewogen, möglichst authentisch und nahbar. 

Den Zugang an das Thema „Corona-Krise“ über die Geschäftsleute und Kunstschaffende habe ich gewählt, weil sie das Bindeglied zwischen den Kunden / Konsumenten, den Lieferanten, den vielen kleinen und größeren Fabriken und Manufakturen sind. Sie stehen einerseits in Kontakt mit Geschäftspartnern im In- und Ausland und haben dadurch einen Blick auf das große Ganze: Nachschub, Lieferketten, Logistik und vieles mehr. Andererseits sind sie nicht nur Unternehmer oder Arbeitgeber, sondern auch Eltern, Konsumenten und nicht zuletzt Töchter und Söhne von der am meisten gefährdeten Gruppe älterer Menschen. Die vielen Perspektiven, die hier zusammenkommen, ermöglichen es mir, den beschränkten Fokus auf die geschäftlichen Aspekte aufzubrechen und  einen persönlicheren, privateren Blickwinkel auf die Auswirkungen der Corona-Krise, ihre Bewältigung und ihre Folgen darzustellen. 

Das Projekt soll der Öffentlichkeit frühestens in ein paar Monaten - oder wenn das Gröbste überstanden ist - präsentiert werden. Dadurch fällt es den meisten der Teilnehmer leichter, offen und ehrlich zu berichten, wie es ihnen aktuell geht: Man kann auch mal trauriger schauen, ohne dass man gleich den Verdacht erweckt, Mitleid schinden zu wollen. Oder man kann das Thema mit etwas Humor angehen, ohne sich den Vorwurf der Verharmlosung gefallen lassen zu müssen.

Aller Anfang ist schwer...

Da Krisen nicht darauf warten, dass alle Pläne und Konzepte stehen, war Handeln angesagt. Ganz nach dem Motto: "Zuerst stürzt man sich ins Gefecht, das Weitere wird sich finden". Bereits am zweiten Tag, mit mehr vagen Vorstellungen als einem tatsächlichen Plan, begann ich mit dem Anschreiben von Unternehmen und versuchte die Wunschpersonen telefonisch zu erreichen. Gar nicht so einfach, wenn alle Läden geschlossen sind und man selbst unbekannt ist. 

Mein erster Mail-Entwurf war, gelinde gesagt, sachlich, trocken und knapp und landete bei den meisten Adressaten wahrscheinlich im Spam. Zum Glück ließen sich Ulla und Oliver Sklorz von Die Form und Chrissie und Björn von Chrissies Barbierstube nicht davon abschrecken, und zwei Tage später hatte ich schon mein erstes Interview und das erste Shooting. 

Mit einer modifizierten Mail und der tatkräftigen Unterstützung von Ulla Sklorz hatte ich innerhalb weniger Tage weitere Unternehmer und Kunstschaffende im Boot und es werden erfreulicherweise von Tag zu Tag mehr! 

Wichtig ist mir dabei, dass es möglichst lokale, klein- und mittelständische inhabergeführte Unternehmen sind und eben keine großen Ketten. 

Die Durchführung

Das Projekt soll zunächst zeitlich unbegrenzt sein, denn auch, wenn die Geschäfte wieder öffnen können, wir einen Impfstoff haben, die staatlichen Hilfsmaßnahmen eingestellt werden, wir gefühlt wieder in der Normalität angekommen sind und die Zeitungen sich wieder anderer Themen annehmen, werden viele der Geschäfte länger brauchen, um sich von der Krise zu erholen.

Dementsprechend besuche ich die teilnehmenden Geschäftsleute und Kunstschaffenden in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen und frage sie, wie es ihnen geht, was sie gerade beschäftigt, mit welchen Problemen sie sich aktuell plagen und welche Hoffnungen und Wünsche sie für die Zukunft haben. 

Bei den Bildern lege ich großen Wert darauf, die abgebildeten Menschen so zu präsentieren, wie sie sich selbst wohlfühlen. Ich zwinge sie nicht in Posen, die für sie unnatürlich sind. Die Ideen dafür entwickle ich gemeinsam mit ihnen und fotografiere sie bei den für ihre Branche üblichen Tätigkeiten. Alle diese Unternehmer und Kunstschaffenden haben ihre Geschäfte nach ihren eigenen Vorstellungen mit viel Herzblut gestaltet, haben eine eigene Firmenphilosophie und brennen für das, was sie tun. Das soll sich auch in den Bildern widerspiegeln. Es soll aber auch eingefangen werden, was sich für die täglichen Abläufe wegen der Corona-Krise und wegen der staatlich verordneten Schutzmaßnahmen für den jeweiligen Betrieb geändert hat.

Wie ernst, witzig oder kreativ die Bilder am Ende werden, hängt davon ab, wozu die Inhaber bereit sind und wie viel Zeit sie in das Projekt investieren wollen/können.

Ich bin bereits jetzt sehr angetan von der Offenheit und Herzlichkeit meiner Gesprächspartner, von der Tatkraft und Kreativität, die hinter jedem dieser Betriebe steckt, und freue mich auf mehr davon!

Verbindende Elemente

Um den so verschiedenen Bilderserien etwas Gemeinsames zu verleihen, werden verbindende Elemente eingesetzt. So dient z. B. ein Glas, das je nach Stimmung der Interviewten mit Wasser befüllt wird, als eine Art persönliches, subjektives Barometer für den Ernst der Lage. Ein anderes Beispiel: Aus Scrabble-Spielsteinen werden rund um das Wort „Corona“ Begriffsbilder gebaut, die die jeweiligen Geschäftsleute / Kunstschaffenden mit der Krise assoziieren. 

Die Teilnehmer

(in alphabetischer Reihenfolge)